Was kostet die Welt?

Es geht wieder einmal um Geld. Landauf, landab reden Menschen davon, was teurer geworden ist und dass die Inflation die Vermögen schmelzen lässt. „Wohin mit dem Geld?“

Nicht immer hat die Bibel konkrete Antworten auf konkrete Fragen, aber in dieser Angelegenheit ist das neue Testament sehr ergiebig: Das Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lk. 12, 16-21) stellt die Frage der Geldanlage in den Zusammenhang des baldigen Todes. Matthäus 6, 19-20 macht es noch deutlicher: Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo die Motten und der Rost sie fressen, und wo die Diebe nachgraben und stehlen.Sammelt euch aber Schätze im Himmel […]. Und über den reichen Menschen, der alle Gebote einhielt, seine Habe aber nicht teilen wollte, sagte Jesus (Mk.10,25) „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“

Wohin also mit dem Geld? „Unter den Armen verteilen“. Heute sagt man dazu: Spenden.

Pfarrer Aga mit Nachtgästen im Vorraum des St. Spyridon, der als Kleiderkammer genutzt wird.
Vova, der erste Gast des St. Spyridon, kommt immer noch sehr regelmäßig. Pfarrer Aga versucht auch, die Nachtgäste in das Gemeindeleben einzubinden, wie bei diesem Gottesdienst anlässlich eines rumänischen Feiertages.

Erster Advent im St. Spyridon

Keinem Kind wünscht man zur Geburt, irgendwann einmal in einer Nachtunterkunft schlafen zu müssen. Denn eine Nachtunterkunft ist ein Behelf, kein Heim, ist geteiltes Leid, eng neben anderen. Nun ist die Kindheit der meisten Besucherinnen des St. Spyridon schon lange vergangen und bei dem einen oder der anderen lagen zwischen damals und heute auch viele schöne Tage. Zum Beispiel im Leben von Eugen: Bis zum Alter von 38 Jahren verlief sein Leben so geregelt, wie das in den Umbruchzeiten nach dem Fall der Mauer möglich war. Als die Mutter verstarb, wollte er das geerbte Haus verkaufen und sich in Russland eine Existenz aufbauen. Er geriet an windige Geschäftsmänner und stand letztlich ohne Geld, ohne Haus und ohne Hoffnung da. Weitere zehn Jahre verbrachte er in einem Kloster. Nun ist er häufig im St. Spyridon, zumal in den kalten Nächten. Als Obdachloser ist er der Abschaum der Gesellschaft, missachtet und entrechtet. Weil jeder und jedem von uns tief im Inneren klar ist, dass uns nichts von ihm unterscheidet. Es ist die Angst, genau so zu enden, die Menschen auf Arme herabblicken lässt. Aber selbst Gottes Sohn kam in einer Behelfsunterkunft zur Welt. Dann lässt sich doch bei Lichte betrachtet weder die Furcht noch die Abscheu aufrecht erhalten. Ersetzen wir es durch tätiges mit- Leiden.

Immer wieder werden die Menschen im St. Spyridon mit Lebensmitteln beschenkt, besonders an Festtagen wie jetzt im Advent.
Rechts Eugen, der mit seiner Mutter vor 16 Jahren auch das Dach über dem Kopf verlor.

Teilen und Heilen

Der neue Rundbrief berichtet von großen Projekten und kleinen Schritten, von Wegen der Besserung und wie immer vor allem von Menschen und ihrem Schicksal. Wichtige Notiz aus der Mitgliederversammlung: Das Konto bei der VR- Bank Bamberger- Forchheim wird aufgelöst. Bitte verwenden Sie für Spenden nur noch das weiter unten angegebene Konto bei der Sparkasse Coburg- Lichtenfels.

Lidia (links) die Angestellte aus der Nachtunterkunft, hilf auch beim Einbau der Lüftungsanlage in den Schlafräumen des St. Spyridon.

Ein fußlahmer Erzengel

Der Name Michael, rumänisch Mihai, stammt aus dem hebräischen und bedeutet übersetzt: „Wer ist wie Gott?“ Eine rethorische Frage, denn niemand kann sich mit Gott messen. Bestimmt auch deshalb ist der Erzengel Michael in der Bibel der Bezwinger des Teufels. Mit dieser listigen und zugleich frommen Frage kann nämlich alles menschliche Machtgebahren als Trugbild entlarvt werden. Wer ist wie Gott? Gelebte Nächstenliebe macht uns nicht göttlich, aber im besten Sinne menschlich – zu Kindern Gottes. Mihai konnte das gut gebrauchen, denn er ist aufgrund seiner Behinderung seit langem auf Fürsorge angewiesen. Pfarrer Aga organisierte für ihn einen Rollstuhl und aus dem Nothilfefonds steuerte er Lebensmittel und für einen Monat und einen kleinen Backofen bei. Ich glaube, das wird Gott gefallen.

Mihai hat sichtlich Freude an seinem neuen Gefährt.
Momentan kümmert sich seine Schwester (links hinten) um Mihai, seit die Mutter dies nicht mehr kann.

Ion und die Hoffnung

Lieber Arm dran als Arm ab heißt es ja. Ion könnte vermutlich nicht darüber lachen, ihm fehlen beide Beine. Er lebt allein und muss sich täglich damit herumschlagen wie es ist, alt, krank und arm zu sein. Vom Staat ist außer einer mickrigen Rente nichts zu erwarten: Der nächste Platz in der ambulanten Betreuung wird in vier Jahren frei. „Wer weiß, ob ich das überhaupt noch erleben würde“ sagt er selbst. Eine verfahrene Situation. Aber nicht hoffnungslos. Denn Hoffnung keimt schon im Kleinen, in der zwischenmenschlichen Begegnung. Pfarrer Aga hat ein Ohr für die Sorgen und Nöte von Menschen wie Ion. Und selbst in Fällen, in denen er keine Wunder wirken kann, will er auch nicht tatenlos bleiben. Ion wünschte sich vor allem etwas ordentliches zu Essen. Also kaufte Pfarrer Aga für 100 € Vorräte für die nächsten Monate ein. Jetzt muss Ion erst einmal nicht mehr von Tütensuppe leben. Und mit seiner eingesparten Rente möchte er eine Pflegekraft bezahlen, die regelmäßig nach ihm schaut. Das gibt Hoffnung.

Seit er beide Beine verlor, ist Ion auf Prothesen und Gehhilfen angewiesen. Die täglichen Besorgungen werden damit zu einer gewaltigen Hürde.
Pfarrer Aga erfüllte dem fast mittellosen Rentner den Wunsch nach gutem Essen und kaufte ihm Lebensmittel auf Vorrat.

Hilfe von Herzen

Viele Menschen schämen sich, Hilfe anzunehmen. Überall auf der Welt sind Armut und Hilfsbedürftigkeit negativ konnotiert. In manchen Köpfen spukt vielleicht auch die Vorstellung herum, wer Schwachen helfe würde selbst schwach. Kinder bilden da eine Außnahme, sie können sich oft ganz aufrichtig und schamfrei über ein Geschenk freuen und ebenso herzlich etwas geben. Auch daran hat Jesus gewiss gedacht als er sagte: „Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“! (Matthäus 18,3). Auch Pfarrer Aga kennt diesen Spruch und schämte sich nicht, Alexandru und Anastasia bei der Beschaffung von Schulmaterialien zu helfen. Aus dem Nothilfefonds von Fortotschka kaufte er Ranzen, Stifte, Blöcke, Schulkleidung im Wert von hundert Euro. Darüber freute sich auch die Mutter Elena – von Herzen!

Pfarrer Aga auf der Suche nach Schulmaterialien für Anastasia und ihren Bruder Alexandru.
Der Nachbar (links) hatte den Kontakt zu Pfarrer Aga hergestellt, weil Alexandru und Anastasia getauft werden sollten. Selbst die dafür übliche Summe für die Kirche konnte Elena, die Mutter der beiden, aus ihrer Invalidenrente nicht aufbringen. Pfarrer Aga taufte die Beiden, natürlich kostenlos.

Bildung ist der Schlüssel

Fortotschka beteiligt sich mit 7.000 € an einem EU- Bildungsprojekt in Moldawien und Rumänien! Das war der wichtigste Beschluss der Mitgliederversammlung Anfang Juli. Die finanziellen Möglichkeiten dazu sind glücklicherweise gegeben, auch dank mehrerer großer Spenden in den letzten Monaten. Es bietet Weiterbildung für über 100 Jugendliche aus Orhei in fünf Bereichen an, darunter Betriebsführung, Medizin, Literatur und Nähen/ Sticken. Die Kurse laufen seit Beginn des Jahres. An dem Projekt ist auch die Christliche Filantropie (CF) Orhei beteiligt. Sergiu Aga, Pfarrer und Vorstand des CF, hatte um eine Beteiligung Fortotschkas geworben: „Das ist mal ein gutes Beispiel für eine gelungene Kooperation verschiedener Akteure in Orhei, die gemeinsam junge Menschen fit fürs Berufsleben machen wollen.“

Schnell, direkt, unkompliziert

Was sich Fortoschka für die Hilfe am Mitmenschen zum Maßstab gemacht hat, galt auch für die diesjährige Mitgliederversammlung. Zügig, konkret und allürenfrei wurde besprochen was war und was sein soll. Personelle Veränderungen gab es in diesem Jahr keine. Beschlossen wurde stattdessen die Beteiligung an einem EU geförderten Bildungsprojekt in Moldawien und eine Festsetzung des Mitgliedsbeitrages für neue Mitglieder auf mindestens 60€ jährlich. Das ganze Protokoll gibt’s hier.

Rück- und Ausblick

Herzliche Einladung noch einmal zur Teilnahme an der digitalen Mitgliederversammlung von Fortotschka am 03.07.2021 um 19 Uhr. Es geht unter anderem um die Beteiligung des Vereins an einem großen Bildungsprojekt in Moldawien. Wir werden als Plattform wie im letzten Jahr meet.jit.si verwenden. Gebt auf der Seite den Namen des Treffens Fortotschka_MV_2021 ein und schon seid ihr dabei.

Fortoschkas Engagement in Moldawien kommt direkt und unkompliziert Menschen in Notlagen zugute. Immer wieder geraten Familien durch Ausgaben in Schwierigkeiten, die eigentlich die Krankenkasse zahlen sollte, so wie bei diesem Jungen mit Muskelschwund im Rücken.

Wie lange noch …

wird es dauern, bis die Welt ein gerechter Ort ist? Wie lange wird es dauern, bis Gesundheit nicht mehr vom ungerecht verteilten Geldvermögen abhängt? Wie lange noch?

In Moldawien ist es noch nicht so weit. Das mussten Zinaida und Ioana am eigenen Leib erfahren. Beide sind betagt, haben früher selbst im Gesundheitssektor gearbeitet und waren an Grauem Star erkrankt. Heilung ist möglich: Die Operation ist mittlerweile ein Routineeingriff, bei dem die ergraute Linse durch eine künstliche neue ersetzt wird. Aber sie ist für die beiden mit Kosten verbunden, Kosten, die sie alleine nicht tragen könnten. Das fand Pfarrer Aga ungerecht – und handelte: Aus dem Nothilfefonds von Fortotschka steuerte er insgesamt 300€ für die Operationen bei. Nun können Zinaida und Ioana hoffentlich noch lange die Welt in den schönen Farben sehen, die der Sommer uns jetzt wieder zeigt.

Bei der Operation von Grauem Star wird eine neue, künstliche Linse ins Auge eingesetzt. Es handelt sich um eine der häufigsten Operationen überhaupt.