Hilfe vor Ort

Nicht Wurst

Dies ist keine Sensationsmeldung: Ein Fleischgeschäft aus Orhei hat zum wiederholten Male Fleischwaren an das St. Spyridon gespendet. In diesem Falle Wurst. Hat geschmeckt. Warum das eine Meldung wert ist? Nun, die Frage stellt sich sicherlich bei so manchem Essensbild in Sozialen Medien. Hier auf unserer Seite war es in den letzten Monaten sehr ruhig. Das hat damit zu tun, dass Pfarrer Aga zur Zeit unter Hochdruck die oberirdischen Stockwerke des Sozialzentrums fertig stellt, nachdem das St. Spyridon ja schon Anfang 2021 in den Keller eingezogen war. Die Stille rührt aber auch daher, dass die Stärke der Obdachlosenunterkunft genau darin besteht, unspektakulär zu sein. Ja, immer wieder kommen Obdach Suchende abends betrunken zur Nachtunterkunft und werden – meist unter Protest – abgewiesen. Ja, oft gibt es Streit unter den Gästen, über das Fernsehprogramm, über die Ordnung, die Aufgabenverteilung und so fort. Aber jeden Abend macht dort jemand die Tür auf und jeden Morgen gibt es ein Frühstück nach einer Nacht im Warmen. Das ist unspektakulär, rettet aber Leben. Jeden Tag. Und das geht nur, wenn viele sich zusammentun und helfen. Zum Beispiel auch mit Wurst.

Auch eine Wurst kann ein Festessen sein. Den Gästen im St. Spyridon schmeckt es sichtlich.

Drinnen warm, draußen eisig

Mitte November war es in Mitteldeutschland so weit: Der erste Schnee fiel und blieb auch einen ganzen Tag liegen. Wie schön! Auch in Orhei waren die Dächer schon weiß, auch dort lassen sich Menschen von der Schönheit eisverhüllter Landschaften bezaubern. Kurz. Denn nur wer ein warmes Zuhause hat, der schaut gern aus dem Fenster. In Orhei werden dieses Jahr noch mehr Häuser als sonst kalt bleiben. Und wer kein Haus hat, kann erst recht nicht heizen. Deshalb ist das St. Spyridon auch schon wieder voll, voller als je zuvor: Zum ersten Mal waren elf Betten belegt.

Groß ist die Not allerorten in der Welt und groß war die Verlockung bei Pfarrer Aga im Sommer, das „teure“ Projekt zugunsten anderer zu schließen. Bei Fortotschka haben wir schon einige Erfahrung mit längerfristigen Projekten und hielten daran fest. Der Andrang dieser Tage bestätigt, was auch im Sommer schon absehbar war: Wenn die Heizkosten um ein Vielfaches steigen sind noch mehr Menschen auf ein warmes Bett angewiesen. Schlimm genug, dass wir sie nicht auch den Tag über beherbergen können. Mit Ihrer und Eurer Hilfe werden wir in diesem Winter auch wieder versuchen, was letztes Jahr gelang: Kein Mensch in Orhei soll im Winter erfrieren. Bleiben wir dran!

Volles Haus im St. Spyridon. Bis zu elf Übernachtungsgäste waren schon gleichzeitig da. Der Bedarf ist groß.
So schön das Weiß, so grausam auch die Kälte. Im letzten Jahr konnte dank des Angebots im St. Spyridon verhindert werden, dass Menschen in Orhei im Winter draußen erfroren. Das ist auch jetzt wieder das Ziel, trotz hoher Heizkosten.

Geschichten, die das Leben schreibt

Egal wie schlimm eine Geschichte auch sei, die Zuhörerinnen sind zufrieden, wenn sich die Situation nur verbessert. Nichts ist offenbar langweiliger als Stillstand. In der Nachtunterkunft St. Spyridon passiert gerade viel. Da, wo bis vor kurzem nur Rohbau und nackte Außenwände zu sehen war, steht jetzt ein verputztes Haus! An dieser Verwandlung haben auch einige Besucher des St. Spyridon mitgearbeitet. Stolz, froh und selbstverständlich gegen Bezahlung haben sie sich an den Bauarbeiten beteiligt. Eine gute Geschichte.

Anders als die Geschichte von Viorica: 28 Jahre alt, ohne Obdach, Mutter eines Kindes, welches nicht bei ihr lebt, Ehemann verstorben, der neue Freund hat ihr eine schwere Brandwunde zugefügt; die Mutter interessiert sich nicht mehr, der Vater selbst auf der Straße.

Pfarrer Aga hofft dennoch, dass auch die Geschichte von Viorica sich noch zum Besseren wenden lässt. Mit der Hilfe einer Sozialarbeiterin und eines Psychologen, mit dem warmen Bett im St. Spyridon und mit unserer Hilfe. Und es wird Zeit brauchen. Denn Verbesserung bedeutet noch nicht, dass alles gut ist.

Eugen ist mit vollem Einsatz auf der Baustelle dabei.
Viorica hat in ihrem Leben schmerzhaft gelernt, dass Vertrauen enttäuscht werden kann. Der erste Schritt in der sozialen Arbeit ist daher immer der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung.

Schäden beseitigt, es geht wieder los!

Mit großer Ungeduld hatten die wiederkehrenden Gäste des St. Spyridon auf den September gewartet. Den ganzen August über konnten Sie nicht in die Einrichtung. Wie im letzten Jahr auch war der Monat genutzt worden, um Überstunden des Personals abzubauen und notwendige Reparaturen in den Räumen vorzunehmen. Speziell die Schäden des Wassereinbruches an Ostern mussten vor der Heizperiode beseitigt werden. Damals war durch ein fehlerhaft eingebautes Teil Wasser aus der Kanalisation in die Räume des St. Spyridon geraten, nur der heldenhafte Einsatz der Mitarbeiter*innen verhinderte größere Schäden.

Im August nun wurden die schadhaften Wandstellen neu verputzt, frisch gestrichen und Möbel ausgetauscht wo nötig. Das Leben auf der Straße ist auch im Sommer hart, aber zumindest erfriert in dieser Zeit niemand draußen. Im Winter dagegen ist von einer großen Nachfrage nach warmen Schlafplätzen auszugehen, weil Gas auch in Moldawien um ein Vielfaches teurer geworden ist.

Vasile, der Alleskönner im St. Spyridon, beim Ausbessern der Wände in einem Schlafraum.
Was die einen „Camping“ nennen, ist für Obdachlose bittere Notwendigkeit: Das Schlafen im Freien.

Von Engeln und Finanzen

Der aktuelle Rundbrief fasst zusammen, was im Verein Fortotschka seit Jahresbeginn so alles passiert ist und enthält auch die Einladung zur Mitgliederversammlung. Am 29.07 sind Mitglieder und Interessierte herzlich nach Dörfles- Esbach, Neustadter Str. 48 eingeladen. Los geht’s um 20 Uhr. Wie letztes Mal können Sie sich auch online dazuschalten über die Seite meet.jit.si und den Namen der Sitzung: Fortotschka_Mitgliederversammlung_2022 .

Viel Freude beim Lesen!

Familie Buzila mit Pfarrer Aga in der Mitte.

Was Schönes!

Fortotschka ist meistens für die guten Nachrichten verantwortlich. Warum? Weil genug Schlimmes passiert in der Welt und Hoffnung nur bewahren kann, wer das Schöne und Gute sieht und sich daran freut.

Gefreut hat sich auch Ion, über seine Geburtstagsparty im St. Spyridon. Zusammen mit den anderen Übernachtungsgästen gab es eine richtige Torte mit Kerzen und Süßgetränke. Genau so hatte Ion es sich gewünscht. Schön, oder?

Ion (Mitte) darf anschneiden. Aber alle kriegen was ab.
Pfarrer Aga trägt die Torte hinein.

Gute Freunde

Gute Freunde beweisen sich wie gute Kapitäne in der Not. Und auf diese Freunde ist auch in der Not Verlass: Innerhalb kurzer Zeit hat der Verein Step by Step aus Münster zwei mal 1.000 € für Geflüchtete aus der Ukraine gespendet. Das Geld geht direkt an die Christliche Filantropie in Orhei, wo Pfarrer Aga jeden Cent gebrauchen kann. Über 1.000 Menschen – Familien, Kindern, Alten – konnte Pfarrer Age schon helfen. Zur Zeit sind vor allem Lebensmittel knapp und teuer. Zu Ostern gab es traditionelles Osterbrot. Und für jede*n ein Lächeln.

Wie die meisten Bewohner Moldawiens spricht auch Pfarrer Aga rumänisch und russisch. Das erleichtert die Kommunikation mit den Geflüchteten aus der Ukraine enorm.

Zuhause nicht zuhause

Der Zustrom an Menschen, die vor dem Krieg fliehen, reißt auch in Moldawien nicht ab. Die Hilfsbereitschaft ist bislang sehr hoch. Manche der Einheimischen beschweren sich mittlerweile, dass es unter den eigenen Leuten auch genug gäbe, die Hilfe brauchen, und dass die Flüchtlinge alles bekämen. Wir kennen diese Sprüche auch aus Deutschland zur Genüge. Sie zeugen leider meist von einem eklatanten Desinteresse am Nächsten wie am Fernsten. Fortotschka e.V. ist in Moldawien aktiv, weil das Schicksal der Menschen im ärmsten Land Europas eben nicht allein „deren Bier“ ist. Wir helfen Menschen in Orhei und Umgebung, weil die es bitter nötig haben. Seien es geflüchtete Ukrainer*innen oder Menschen wie Familie Buzila.

Familie Buzila lebt zu sechst in einem verlassenen Haus, dessen einziger Vorteil gegenüber einer Nacht im Freien darin besteht, dass es von oben (noch) nicht nass wird. Obwohl der Vater Arbeit hat, können die Eltern ihre vier Kinder kaum ernähren. Pfarrer Aga half beherzt mit Klamotten aus der Kleiderkammer. Aus dem Nothilfefonds von Fortotschka kaufte er für die Familie Lebensmittel und Briketts. Am meisten freute sich die älteste Tochter, Cristina: Um dem Online- Unterricht folgen zu können, bekam sie ein neues Telefon.

Familie Buzila hat es sich in dem verlassenen Haus, welches sie faktisch besetzt, so gemütlich wie möglich gemacht. Im Winter ist es drinnen klirrend kalt.
In der Kleiderkammer von Orhei konnten sich die vier Kinder und ihre Eltern neu eindecken.

Soweit die Füße tragen

Während viele der Geflüchteten Ukrainer*innen in Polen und Rumänien zuflucht suchen, kommen auch einige von Ihnen nach Moldawien. Manche wollen bleiben, viele wollen weiter, möglichst weit weg von den Schrecken des Krieges.

Pfarrer Aga in Orhei hat in den letzten Tagen schon Menschen auf der Flucht beherbergt. Aus dem Nothilfebudget von Fortotschka kauft er Lebensmittel, Hygieneartikel und auch Sim- Karten. In Kontakt mit Ihren Angehörigen zu bleiben ist für die Familien aktuell das Wichtigste.

Voraussichtlich wird der Andrang in den nächsten Tagen und Wochen zunehmen! Dann kommt es auf uns an: Stehen auch Sie den Menschen in Osteuropa bei! Helfen Sie denen die fliehen und denen, die Aufnehmen.

Auch in Moldawien setzten sich viele für die Geflüchteten ein und spenden, wie etwa diese Lieferung zu einem Verteilzentrum nahe Orhei zeigt.
Bedarfe und Angebote für die Geflüchteten werden von Freiwilligen in Orhei erfasst und in einer Datenbank verwaltet. So kommt die Hilfe schnell dort an, wo sie gebraucht wird.

Kalt und wund

Wann wird eine schlimme Situation unerträglich? Svetlana hat sich diese Frage vermutlich jeden Tag gestellt. Sie ist Mutter von vier Kindern. Mit den zwei jüngeren hat sie vor kurzem bei ihrem Bruder Schutz gesucht vor den Schlägen ihres Mannes. Auch dort lebt sie nun auf engstem Raum und ohne Einkommen. Von Staatsseite gäbe es Hilfen, aber für die braucht es eine Meldeadresse, an die Post gesendet wird. Wie bei vielen Formen von Obdachlosigkeit liegt die Vermutung nahe, dass die Verwaltung nicht besonders an ihnen interessiert ist, sonst würde sie wohl von einer Wohnungslosen keine Adresse verlangen.

Auch Pfarrer Aga findet diese Situation unerträglich. Daher bemüht er sich nach Kräften, im noch fertigzustellenden Teil des Sozialzentrums Orhei eine Unterkunft mit Meldeadresse für solche Fälle aufzubauen. Hoffentlich finden sich genügend Unterstützer, damit dieses Ziel noch in diesem Jahr erreicht werden kann.

Vorerst bleibt ihm nicht viel mehr als Svetlana aus dem Nothilfefonds von Fortotschka einige Holzbriketts zu schenken, dazu Kleider aus der Kleiderkammer und Waschmittel aus einer holländischen Spendenlieferung. Die Not ist groß und der Winter noch nicht vorüber.

Svetlana und ihre zwei jüngsten Kinder können sich in der Kleiderkammer im Sozialzentrum neu eindecken.
Nach der Flucht vor ihrem Mann ist Svetlana bei ihrem Bruder untergekommen. Auch das ist eine Form der Obdachlosigkeit.