Hilfe vor Ort

Schäden beseitigt, es geht wieder los!

Mit großer Ungeduld hatten die wiederkehrenden Gäste des St. Spyridon auf den September gewartet. Den ganzen August über konnten Sie nicht in die Einrichtung. Wie im letzten Jahr auch war der Monat genutzt worden, um Überstunden des Personals abzubauen und notwendige Reparaturen in den Räumen vorzunehmen. Speziell die Schäden des Wassereinbruches an Ostern mussten vor der Heizperiode beseitigt werden. Damals war durch ein fehlerhaft eingebautes Teil Wasser aus der Kanalisation in die Räume des St. Spyridon geraten, nur der heldenhafte Einsatz der Mitarbeiter*innen verhinderte größere Schäden.

Im August nun wurden die schadhaften Wandstellen neu verputzt, frisch gestrichen und Möbel ausgetauscht wo nötig. Das Leben auf der Straße ist auch im Sommer hart, aber zumindest erfriert in dieser Zeit niemand draußen. Im Winter dagegen ist von einer großen Nachfrage nach warmen Schlafplätzen auszugehen, weil Gas auch in Moldawien um ein Vielfaches teurer geworden ist.

Vasile, der Alleskönner im St. Spyridon, beim Ausbessern der Wände in einem Schlafraum.
Was die einen „Camping“ nennen, ist für Obdachlose bittere Notwendigkeit: Das Schlafen im Freien.

Von Engeln und Finanzen

Der aktuelle Rundbrief fasst zusammen, was im Verein Fortotschka seit Jahresbeginn so alles passiert ist und enthält auch die Einladung zur Mitgliederversammlung. Am 29.07 sind Mitglieder und Interessierte herzlich nach Dörfles- Esbach, Neustadter Str. 48 eingeladen. Los geht’s um 20 Uhr. Wie letztes Mal können Sie sich auch online dazuschalten über die Seite meet.jit.si und den Namen der Sitzung: Fortotschka_Mitgliederversammlung_2022 .

Viel Freude beim Lesen!

Familie Buzila mit Pfarrer Aga in der Mitte.

Was Schönes!

Fortotschka ist meistens für die guten Nachrichten verantwortlich. Warum? Weil genug Schlimmes passiert in der Welt und Hoffnung nur bewahren kann, wer das Schöne und Gute sieht und sich daran freut.

Gefreut hat sich auch Ion, über seine Geburtstagsparty im St. Spyridon. Zusammen mit den anderen Übernachtungsgästen gab es eine richtige Torte mit Kerzen und Süßgetränke. Genau so hatte Ion es sich gewünscht. Schön, oder?

Ion (Mitte) darf anschneiden. Aber alle kriegen was ab.
Pfarrer Aga trägt die Torte hinein.

Gute Freunde

Gute Freunde beweisen sich wie gute Kapitäne in der Not. Und auf diese Freunde ist auch in der Not Verlass: Innerhalb kurzer Zeit hat der Verein Step by Step aus Münster zwei mal 1.000 € für Geflüchtete aus der Ukraine gespendet. Das Geld geht direkt an die Christliche Filantropie in Orhei, wo Pfarrer Aga jeden Cent gebrauchen kann. Über 1.000 Menschen – Familien, Kindern, Alten – konnte Pfarrer Age schon helfen. Zur Zeit sind vor allem Lebensmittel knapp und teuer. Zu Ostern gab es traditionelles Osterbrot. Und für jede*n ein Lächeln.

Wie die meisten Bewohner Moldawiens spricht auch Pfarrer Aga rumänisch und russisch. Das erleichtert die Kommunikation mit den Geflüchteten aus der Ukraine enorm.

Zuhause nicht zuhause

Der Zustrom an Menschen, die vor dem Krieg fliehen, reißt auch in Moldawien nicht ab. Die Hilfsbereitschaft ist bislang sehr hoch. Manche der Einheimischen beschweren sich mittlerweile, dass es unter den eigenen Leuten auch genug gäbe, die Hilfe brauchen, und dass die Flüchtlinge alles bekämen. Wir kennen diese Sprüche auch aus Deutschland zur Genüge. Sie zeugen leider meist von einem eklatanten Desinteresse am Nächsten wie am Fernsten. Fortotschka e.V. ist in Moldawien aktiv, weil das Schicksal der Menschen im ärmsten Land Europas eben nicht allein „deren Bier“ ist. Wir helfen Menschen in Orhei und Umgebung, weil die es bitter nötig haben. Seien es geflüchtete Ukrainer*innen oder Menschen wie Familie Buzila.

Familie Buzila lebt zu sechst in einem verlassenen Haus, dessen einziger Vorteil gegenüber einer Nacht im Freien darin besteht, dass es von oben (noch) nicht nass wird. Obwohl der Vater Arbeit hat, können die Eltern ihre vier Kinder kaum ernähren. Pfarrer Aga half beherzt mit Klamotten aus der Kleiderkammer. Aus dem Nothilfefonds von Fortotschka kaufte er für die Familie Lebensmittel und Briketts. Am meisten freute sich die älteste Tochter, Cristina: Um dem Online- Unterricht folgen zu können, bekam sie ein neues Telefon.

Familie Buzila hat es sich in dem verlassenen Haus, welches sie faktisch besetzt, so gemütlich wie möglich gemacht. Im Winter ist es drinnen klirrend kalt.
In der Kleiderkammer von Orhei konnten sich die vier Kinder und ihre Eltern neu eindecken.

Soweit die Füße tragen

Während viele der Geflüchteten Ukrainer*innen in Polen und Rumänien zuflucht suchen, kommen auch einige von Ihnen nach Moldawien. Manche wollen bleiben, viele wollen weiter, möglichst weit weg von den Schrecken des Krieges.

Pfarrer Aga in Orhei hat in den letzten Tagen schon Menschen auf der Flucht beherbergt. Aus dem Nothilfebudget von Fortotschka kauft er Lebensmittel, Hygieneartikel und auch Sim- Karten. In Kontakt mit Ihren Angehörigen zu bleiben ist für die Familien aktuell das Wichtigste.

Voraussichtlich wird der Andrang in den nächsten Tagen und Wochen zunehmen! Dann kommt es auf uns an: Stehen auch Sie den Menschen in Osteuropa bei! Helfen Sie denen die fliehen und denen, die Aufnehmen.

Auch in Moldawien setzten sich viele für die Geflüchteten ein und spenden, wie etwa diese Lieferung zu einem Verteilzentrum nahe Orhei zeigt.
Bedarfe und Angebote für die Geflüchteten werden von Freiwilligen in Orhei erfasst und in einer Datenbank verwaltet. So kommt die Hilfe schnell dort an, wo sie gebraucht wird.

Kalt und wund

Wann wird eine schlimme Situation unerträglich? Svetlana hat sich diese Frage vermutlich jeden Tag gestellt. Sie ist Mutter von vier Kindern. Mit den zwei jüngeren hat sie vor kurzem bei ihrem Bruder Schutz gesucht vor den Schlägen ihres Mannes. Auch dort lebt sie nun auf engstem Raum und ohne Einkommen. Von Staatsseite gäbe es Hilfen, aber für die braucht es eine Meldeadresse, an die Post gesendet wird. Wie bei vielen Formen von Obdachlosigkeit liegt die Vermutung nahe, dass die Verwaltung nicht besonders an ihnen interessiert ist, sonst würde sie wohl von einer Wohnungslosen keine Adresse verlangen.

Auch Pfarrer Aga findet diese Situation unerträglich. Daher bemüht er sich nach Kräften, im noch fertigzustellenden Teil des Sozialzentrums Orhei eine Unterkunft mit Meldeadresse für solche Fälle aufzubauen. Hoffentlich finden sich genügend Unterstützer, damit dieses Ziel noch in diesem Jahr erreicht werden kann.

Vorerst bleibt ihm nicht viel mehr als Svetlana aus dem Nothilfefonds von Fortotschka einige Holzbriketts zu schenken, dazu Kleider aus der Kleiderkammer und Waschmittel aus einer holländischen Spendenlieferung. Die Not ist groß und der Winter noch nicht vorüber.

Svetlana und ihre zwei jüngsten Kinder können sich in der Kleiderkammer im Sozialzentrum neu eindecken.
Nach der Flucht vor ihrem Mann ist Svetlana bei ihrem Bruder untergekommen. Auch das ist eine Form der Obdachlosigkeit.

Der Pfarrer und die Geopolitik

Pfarrer Aga ist vieles: Pastor der rumänisch-orthodoxen Kirche in Orhei, Leiter der Christlichen Filantropie in Orhei, damit Chef der Nachtunterkunft St. Sypridon und seit zwei Jahren auch Abgeordneter im Kreistag. Außerdem ist der Mittvierziger auch Vater von zwei Kindern, Seelsorger, Logistiker für dringend benötigte Hilfsgüter und vor allem ein großer Organisator.

Auch den Lesern, die nicht rumänisch sprechen, könnte aufgefallen sein, dass Pfarrer Aga sich bei jeder Gelegenheit vor einer rumänischen Flagge fotografieren lässt und dabei gerne den einen Satz stets wiederholt: Bassarabia e România – Moldawien gehört zu Rumänien. In Rumänien läuft diese Forderung unter dem Stichwort România Mare – Großrumänien.

Das klingt in deutschen Ohren – gelinde gesagt – befremdlich. Territoriale Veränderungsansprüche wecken hierzulande böse Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg. Moldawien wiederum ist schon seit dem ersten Weltkrieg Schauplatz westlicher und östlicher Interessenskonflikte und hat die Zeit in der Sovjetunion noch sehr frisch in Erinnerung.

Diese Erinnerungen drängen sich aktuell wieder in die Tagespolitik, denn Moldawien grenzt an zwei Länder: Rumänien im Westen und die Ukraine im Osten. Dazwischen liegt eine kleine separatistische Zone, die Republik Transnistrien, seit den 50er Jahren bis nach dem Mauerfall Standort der 14. russischen Gardearmee. In Moldawien selbst ist die russische Bevölkerung in der Minderheit. Aber wenn die Ostgrenze tatsächlich russisch würde, bekäme die Forderung der Integration Moldawiens in den rumänischen Staat sicher eine anderen Klang. Denn Rumänien ist, im Gegensatz zu Moldawien, Nato-Mitglied.

Als Leiter der rumänisch-orthodoxen Kirche in Orhei nimmt Pfarrer Aga auch an rumänischen Gedenkfeiern teil. Im Hintergrund die Flaggen Moldawiens (mit Wappentier) und Rumäniens (ohne Wappentier).

Hilfe von vielen Seiten

Die mittlerweile einjährige Geschichte des St. Spyridon ist auch eine von viel Nachbarschaftshilfe. Immer wieder bekommt das Projekt und damit die Übernachtungsgäste Kleidung, Brot, Kuchen, und Hygieneartikel geschenkt, nun zum wiederholten Male auch Fleisch von einer ortsansässigen Fleischerei. Es schmeckte offensichtlich sehr gut …

Die unverhoffte Mahlzeit aus der Lebensmittelspende einer Fleischerei aus Orhei wird im St. Spyridon dankbar angenommen.

Viele Feste, eine Hoffnung

Weihnachten ist auch das Fest der verschiedenen christlichen Traditionen: Bescherung am Heiligen Abend wie in Deutschland, am ersten Feiertag im angelsächsischen Sprachraum oder am 6 Januar in den orthodoxen Kirchen. Der 25. Dezember ist im orthodoxen Kalender der „alten Art“ der Tag des Heiligen Spyridon, Namensgeber der Nachtunterkunft in Orhei. Und der wurde auch gebührend gefeiert. Für die Anwesenden bedeutet dieses Fest auch: Seit fast einem Jahr gibt es in Orhei eine Anlaufstelle für Menschen ohne Obdach. Ein Grund zur Freude, sehr passend zu Weihnachten.

Am 25. Dezember, dem Tag des Heiligen Spyridon, ist der Tisch in der Nachtunterkunft noch reicher gedeckt als sonst.